Am Mittwoch, 23.04.2003, sperrte das "Casablanca" für immer zu. Der letzte Vorhang ist gefallen. Am Mittwochabend ging im Montafon eine Kino-Ära zu Ende. Nach 55 Jahren wurde in der Schrunser Batlogghalle mit "Chicago" zum letzten Mal ein Film gespielt. 


 VON MARTINA KUSTER (TEXT) UND 
 KLAUS HARTINGER (FOTOS) 
 aus der NEUEN


 

Sie schrieben im Montafon Kinogeschichte: Erna und Josef Mühlbacher, Walter und Evi Saler sowie die Söhne Michael und Andreas (von rechts). 

Die Frau kämpft mit den Tränen. Vergebens. In Rinnsalen laufen sie ihr die Wangen hinunter. 40 Jahre betrieb Erna Mühlbacher mit ihrem Mann Josef das Kino in Schruns - bis ihre Tochter Evi es im Jahr 1993 übernahm. Dass das, was sie einst mühsam mit ihrem Gatten aufgebaut hatte, ab morgen nicht mehr sein wird, verkraftet sie nur schwer. Trotzdem oder gerade deswegen ist sie zur letzten Filmvorführung gekommen. Mit einem Taschentuch wischt sie sich die Tränen vom Gesicht. 



Konkurrenz Fernsehen 

Ihr Mann Josef behält trotz der Schließung des Kinos Contenance. Erna stichelt angesichts dessen: "Du bist ein harter Mann." Doch so hart wie Josef scheint, ist er nicht. Als er die Vergangenheit Revue passieren lässt, bekommt auch er feuchte Augen. "Wir haben mit nichts angefangen", erzählt Josef, der sein halbes Leben in der Batlogghalle verbracht hat. Doch der riskante Neubeginn lohnte sich für ihn und seine Familie. Denn bis Mitte der 60 er Jahre waren es goldene Kinojahre. "Früher war das ja das einzige Vergnügen", weiß Erna, warum das Filmtheater damals einen Aufschwung erlebte. Absoluten Besucherrekord gab es im Jahr 1957. Josef: "Damals hatten wir 92.000 Besucher." Nachsatz: "Dann sind die Zahlen runtergesaust auf 16.000 Besucher im Jahre 1992." Zu einem ersten Einbruch der Besucherzahlen kam es Mitte der 60 er-Jahre. "Das war zu der Zeit, als bei uns das Fernsehen aufkam. Das hat uns schon einiges weggenommen", erinnert sich der Doyen der heimischen Kinoszene. Auch das Aufkommen der Diskos spürte die Kinofamilie Mühlbacher. 

Erfolgsfilm Schlafes Bruder 

Trotz des kontinuierlichen Besucherrückgangs wollten es die Mühlbachers im Jahre 1993 noch einmal wissen - vielleicht auch deshalb, weil sie an die Renaissance des Kinos glaubten. Zuerst übergaben die "alten" Mühlbachers den Betrieb ihrer Tochter Evi und deren Mann Walter Saler. Diese ließen dann das Schrunser Kino für rund 1, 5 Millionen Schilling umbauen und auf den neuesten technischen Stand bringen. Aus der Batlogghalle wurde das Kino Casablanca, in dem die Besucher - ganz kundenfreundlich - Getränke serviert bekamen. 

Anfangs zog das neue Kino gut. "Zu Spitzenzeiten hatten wir 3000 Besucher pro Monat", erinnert sich Evi Saler an bessere Zeiten. Als der Film "Schlafes Bruder" lief, kamen sogar 5000. Das war überhaupt der Erfolgsfilm des Hauses. Evi: "Da sind sogar Leute gekommen, die noch nie im Kino waren." 

Besucherrückgang 

Trotz solcher Erfolge ließ sich der Niedergang des Schrunser Kinos aber nicht mehr stoppen. Die Eröffnung des riesigen Kinotempels Cineplexx in Hohenems im Jahre 1998 versetzte Montafons einzigem Kino den Todesstoß. "Für uns bedeutete das einen 45-prozentigen Besucherrückgang. Davon haben wir uns bis heute nicht erholt." Zuletzt brachte man es nicht einmal mehr auf 1000 Besucher pro Monat - "und das obwohl wir nur Filmpremieren, also Blockbusters, gespielt haben". Leicht fällt den Salers die Kinoschließung nicht. "Für mich geht jetzt ein Abschnitt zu Ende. Mit dem muss man fertigwerden", meint Evi traurig und blickt ein letztes Mal wehmütig in den Kinosaal. Dem Kino wird sie aber weiter verbunden bleiben. Betreiben ihr Mann Walter und sie doch auch noch das Kino in Bludenz. 


Abschied tut weh 

Trauer herrschte unter den Besuchern der letzten Filmvorführung. "Es ist furchtbar schade", hieß es ausnahmslos von dieser Seite. Enrico aus dem Silbertal (25), der sich im Schrunser Kino regelmäßig einmal wöchentlich einen Film ansah, kann es noch gar nicht fassen, dass es schließt. Denn "seit ich denken kann, gibt es dieses Kino." Silvia aus St. Gallenkirch versteht, "dass es sich nicht mehr rentiert." Aber ganz nachvollziehen kann sie es trotzdem nicht. "Denn es ist ein so schönes Kino." Ihre Freundin Gabriele, die noch nie im Cineplexx in Hohenems war, ist heute nicht wegen dem Film ins Kino gekommen, sondern weil sie die "heimelige Atmosphäre" dieses Kinos ein letztes Mal genießen möchte. 

Auch Hannelore aus Schruns ist gekommen, um vom Kino Abschied zu nehmen. Sie findet es "ganz traurig und jammerschade", dass das einzige Kino des Montafons schließt. "Das ist ein großer Verlust für das Tal." Sie wird es aber immer als familiäres Kino, in dem man bedient wurde", in Erinnerung behalten.